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#29 Kaffeebohnenübung

Die Stadtkönigin hält drei Steinchen hoch

Im letzten Jahr lernte ich eine schöne Achtsamkeitsübung kennen. Sie basiert auf einer Geschichte, die sehr gut zur Stadtkönigin passt.

Schöne Momente mitnehmen

Am Morgen steckt man sich Kaffeebohnen in die linke Hosentasche. Hat man keine, kann man trockene Bohnen nehmen, oder auch Steinchen. Ich habe es damals mit Steinchen „gelernt“, damit das Gewicht in der Tasche spürbar ist und ich daran denke. Wenn man über den Tag etwas Schönes erlebt, nimmt man jedes Mal ein Steinchen und steckt es in die rechte Tasche. Am Abend kann man sie aus der Tasche nehmen und man darf die schönen Momente noch einmal Revue passieren lassen. Ein schöner Abschluss für den Tag.

Reisende Steine

Anfangs nutzte ich drei bis vier Steinchen, und die sollten nicht irgendwie zufällig sein. Immer wenn ich ein Steinchen fand, das mir gefiel, tauschte ich es aus und legte ein Steinchen von denen, die ich bereits hatte, dorthin. Mir gefiel die Vorstellung, dass ein Stein aus Grünau jetzt am Ostkreuz lag. So gingen einige Steinchen auf Reisen. So eine Übung mit Steinchen zu machen wird aber auf Dauer zu schwer, denn:

Es werden immer mehr schöne Momente!

So ist das. Dadurch, dass ich darauf achte, werden mir immer mehr schöne Momente am Tag bewusst. Deswegen nehme ich jetzt Bohnen. Zwar habe ich immer noch keine Kaffeebohnen, Schwarzaugenbohnen sind aber auch hübsch. In dem Fall darf man mal mit dem Essen spielen.

Die Steinchen dekorieren jetzt meinen Pflanzenkasten.

Mehr (jahreszeitenunabhängige) Artikel zu schönen Momenten findet Ihr unter #26 Brückensession, #21 Himmel und #05 Lieblingsort.

#25 Schauplatz

„Ich war ihnen auf der Spur. In dieser heruntergekommenen Gegend zwischen Lagerhallen und rostigen Containern würde sie keiner vermuten, dachten sie wohl. Keiner würde die Schreie ihres Opfers hören, wenn sie mutterseelenallein an den grauen Wänden widerhallten, an denen altersschwacher Putz abbröckelte. Außerdem war Sonntag und die hier arbeitenden Leute hielten sich so weit entfernt wie möglich von diesem trostlosen Gelände auf.

Doch ich war hier und kam mir mächtig schlau vor. Bis ich mich fragte, ob es nicht zu einfach gewesen war, ihnen auf die Schliche zu kommen. Was, wenn das Ganze nur ein Hinterhalt war, und das Opfer, das hier seine einsamen letzten Lebensschreie ausstoßen würde, ich sein sollte?“

Manchmal, wenn ich den Blick aus der S-Bahn schweifen lasse oder über Hinterhöfe oder Parkplätze gehe, sehe ich Orte, die perfekte Schauplätze für Krimis wären. Sie wirken so geheimnisvoll, manchmal leicht ranzig, manchmal industriell, groß und verwinkelt oder klein und versteckt; manche Kneipen wirken schon von außen wie Spelunken oder etwas verrucht. Nun gut, ich lese eigentlich nur eine einzige Krimireihe und habe früher Detektivcomics gelesen. (Letztere mochte ich, weil es auch ohne Mord ging.) Trotzdem regen solche Orte meine Fantasie an, bieten sie doch perfekte Schauplätze für spannende Szenen.

Kennt Ihr auch solche Schauplätze, wo Euch eine Szene fast schon anspringt? Schaut mal nach, wenn Ihr demnächst durch Euren Ort lauft! Vielleicht könnt Ihr Spannendes berichten.

Ähnliche Gedankenspiele für unterwegs findet Ihr in den Artikeln #15 Klein und #13 Markierung.

#21 Himmel

Die Stadtkönigin wandelt in den Wolken

Der Himmel ist offen und weit. Verschiedenartige Wolken fügen sich zusammen zu einer faszinierenden Traumwelt. Die Sonne beleuchtet diese ganze Szenerie. Eine wahnsinnige Kulisse, die sich da über uns aufbaut und die ich manchmal nur mit vor Staunen offenem Mund anstarren kann. Eine andere Welt, weit weg und doch weithin sichtbar. Ich frage mich, wie es wohl wäre, in so einer Welt zu sein, durch einen Tunnel aus Federwolken zu laufen, oder auf weißem, leuchtendem Boden, zwischen riesigen Wolkentürmen entlang zu schlendern, dahinter der Farbverlauf des Himmels. Eine weiche, unendliche, majestätische Traumwelt.
Doch ich weiß, dass Wolken nach etwas ganz anderem aussehen, als sie sind. Diese Schönheit ist in Wirklichkeit lebensfeindlich, kalt und die Wolken tragen uns nicht durch eine Wunderwelt. In der Kälte könnten wir nicht überleben, die Luft ist zu dünn zum Atmen. Dennoch garantiert diese lebensfeindliche Zone, dass wir hier auf der Erde leben können.
Ihre Schönheit umgibt uns von oben und ist doch so weit weg. Bewundern können wir sie von unten oder vom Fenster eines Flugzeuges aus. Eine flüchtige Welt über unserer eigenen Welt.

Was denkt Ihr, wenn Ihr Euch den Himmel anseht? Faszinieren Euch die zerfetzten Wolken, wenn es ein Unwetter gegeben hat oder geben wird? Ist Euch schon mal aufgefallen, dass sich um die untergehende Sonne herum oft auch bei klarem Himmel Wolken sammeln? Und ist ein Farbverlauf nicht Perfektion?

#19 Loslassen

Die Stadtkönigin sitzt an einem verwilderten Ufer der Spree (riecht auch gut dort)

Bin ich die Einzige auf der Welt, der es manchmal so geht? Okay, da sollte ich wohl erklären, wie es mir geht. Ich bin ein nervöses Wrack. Ich bin in meiner Wohnung wie ein Tiger in einem viel zu engen Käfig, und halte mich gerade selber nicht mehr aus.
Morgen habe ich einen wichtigen Termin, der gefühlt über Leben und Tod entscheidet. Was ist, wenn …? Und  warum kann es nicht einfach ohne diesen ganzen Terz gehen? Ja, warum? Entsteht das ganze Theater nur in meinem Kopf? Rein rational gesehen ist es morgen so, wie es ist, egal, wie sehr ich mich jetzt darüber aufrege. Also abregen! Loslassen, jetzt!
Ich kann nicht!
Ich wäre jetzt gern nicht hier. Würde das morgen einfach so machen. Automatisch. Ohne in mir drin zu sein. Okay, ich muss schon in mir drin sein, damit ich auch das Richtige tue, aber muss ich es mitkriegen? So gefühlsmäßig, meine ich.
Es ist unausweichlich, da kann ich genauso gut rausgehen und die letzten Stunden meines Lebens genießen. Ganz loslassen kann ich in solchen Situationen nicht. Aber es ändert den Fokus, wenn ich aus der kleinen Welt meiner Wohnung, und irgendwie meines Kopfes, rausgehe. Andere, neue  Reize stellen sich dem gegenüber, was da in meinem Kopf rumkreist, legen sich auf die andere Waagschale, ein Gegengewicht für die schweren Gedanken.
Eindrücke.
Menschen.
In so einer Millionenstadt (wer gerade nicht in einer großen oder kleinen Stadt ist, kann auch gern die ganze Bundesrepublik als Referenz nehmen) wird es genug Leute geben, die morgen einen Vortrag halten müssen, ein Bewerbungsgespräch haben oder vorm Chef zu Kreuze kriechen müssen. Viele müssen das auch nicht, und zu den Glücklichen kann ich mich ja sonst meistens auch zählen. Heute nicht.
Ich kann, wenn ich rausgehe, nicht ganz loslassen, doch ich integriere das Gefühl in meine heutigen Eindrücke. Diese Endzeitstimmung! Irgendwann (vorausgesetzt, ich lebe dann noch, nach morgen) komme ich wieder hierher und erinnere mich an diesen speziellen Tag, das Gefühl. Und auch daran, wie es am nächsten Tag gelaufen ist. Dass es nicht so schlimm war.
An anderen Tagen gehe ich raus und kann loslassen. Heute nicht.

Geht es Euch in solchen Situationen auch ähnlich? Vielleicht hilft Euch ja die Idee auch, daraus draußen ein kreatives Endzeitszenario zu machen. Es ist wenigstens mal was anderes …

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade „Loslassen“, die der Blog Tellyventure veranstaltet. Bis zum 15.05.2018 könnt Ihr selbst daran teilnehmen und danach könnt Ihr dort noch viele andere tolle Artikel zum Thema „Loslassen“ lesen.

#15 Klein

Die Stadtkönigin läuft in klein durch eine bizarre Welt, die eigentlich die Welt ist, die wir kennen.

Mein Lieblingsort verwandelt sich immer weiter. Das ehemalige Bahngelände wird zunehmend zu einer skurrilen Landschaft aus riesigen Sandbergen und Trümmerhaufen aus alten Kabeln, ehemaligen Schienenschwellen und Betonwegen. Wo vor Monaten Überreste von Schienen zwischen hohen Gräsern versteckt waren, gibt es jetzt eine Art breiten, sandigen Canyon, drumherum noch immer eine Vielzahl wilder Pflanzen.

Wenn ich da lang laufe, kommt mir der Gedanke, wie es wäre, wenn ich sehr klein wäre, so groß wie eine Maus vielleicht. Es wäre eine schier endlose Landschaft. Der Canyon, vielleicht ca. 50-60 Zentimeter tief, wäre riesig und wäre ich unten, wäre es sehr schwer, wieder raus zu kommen.

Die Grashalme oben wären Riesenpflanzen. Ich hätte generell nur einen geringen Überblick, aber viel mehr Raum. Ich könnte viel weiter gehen, ohne an Grenzen zu stoßen.

Was wäre, wenn alle Menschen so klein wären? Würden wir alle in ein Land passen? Hätten wir uns dann überhaupt auf die Weise ausbreiten können, übers Meer segeln, kolonialisieren, globalisieren? Könnten wir dann dem Klima auf der Erde ernsthaft schaden?

Würde ich dann je aus dem Canyon rauskommen oder beim Versuch dauernd abrutschen? Wären Sandkörner im Verhältnis immer noch Sandkörner oder fies piksender Kies?

Wären wir in der Größe mit unseren körperlichen Gegebenheiten überlebensfähig?

Was meint Ihr? Können Mäuse deswegen so gut rennen und klettern?

#13 Markierung

Die Stadtkönigin zwinkert einem Graffito auf einem Stromkasten zu.

Manchmal komme ich mir etwas zwanghaft vor. Es hat damals in meiner Kindheit angefangen, als meine Freundin und ich ein bestimmtes Graffito an einem Zaunpfahl zwischen unseren Häusern zu unserem Treffpunkt auserkoren haben. Der geheime Treffpunkt. Seitdem schaute ich mir dieses Graffito immer an, wenn ich daran vorbeiging. Eine Art Markierung. Ich wohne jetzt woanders und es gibt immer ein letztes Stück Weg, das man jedes Mal läuft, kurz bevor man zu Hause ankommt. Ich suche mir immer bestimmte Ecken oder Dinge, die ich auf diesem letzten Wegstück jedes Mal anschaue, wenn ich daran vorbeilaufe. Wenn ich es mal vergesse, ist es für ein paar Sekunden komisch. Es ist vielleicht etwas verrückt, macht mir den immer gleichen Weg aber spannender. Wie ein Spiel.

Habt ihr auch so ein inneres Spiel für den letzten Wegabschnitt?

#11 Spielen

Die Stadtkönigin zerlatscht grinsend die Eisschicht auf einer Pfütze

Im Winter ist die Welt draußen der reinste Spielplatz. Wenn Schnee liegt, kann man sowieso spielen. Schon alleine, wie er knarrt, wenn man durchläuft. Man kann ihn formen oder Bilder reinmalen. Man kann sich damit bewerfen, Schlitten fahren und auf den Nebenstraßen schlittern, wenn er von Autos festgefahren wurde, oder Skilaufen. Wenn Seen zugefroren sind, kann man eislaufen oder einfach so schlittern.
Genau wie auf den Pfützen. Wenn das Eis auf Pfützen nicht ganz so dick ist, kann man noch anders damit spielen. Man knackt die dünne Eisschicht und schaut, wie sich Luftblasen bilden und bewegen. Manchmal vermischt sich das Wasser in seiner Bewegung mit dem Schlamm darunter. Ist die Pfütze darunter trocken, kracht das Eis beim Drüberlaufen.

Manchmal glaube ich, der Winter ist Spielzeug.

Fangt Ihr im Winter auch an zu spielen?

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