Posts Tagged “Lieblingsorte”

#23 Zurück

Die Stadtkönigin läuft durch den Park Südgelände

Ich zeige einem Freund, der Berlin besucht, den Naturpark Südgelände, einst ein Rangierbahnhof, heute ein Naturschutzgebiet. Weil ich so etwas liebe, bin ich hier öfter schon gewesen. Irgendwann gehen wir auf einen Weg zu, der an beiden Enden jeweils zu einem Ende des Parks führt. Ich kenne den Weg, der Richtung Haupteingang zu einem Hohlweg wird, an dessen verwitternden Betonmauern es erlaubt ist, Graffiti zu sprayen. Wir gehen erst Richtung Hinterausgang und später auf demselben Weg zurück.

Ich lief denselben Weg schon einmal, auch in beide Richtungen. Damals schien mir der Weg Richtung Hinterausgang fremd und kühl. Ich wurde nicht warm mit dem Weg. Da ich damals eigentlich durch den Hintereingang den Park verlassen wollte, dachte ich, dass es ein trostloser Abschluss des Ausfluges wäre, und ging den Weg doch noch mal zurück.

Auf einmal spürte ich eine Wärme und versank in der Landschaft. Der Rückweg wirkte auf mich völlig anders als der Hinweg.

Ich erzähle es meinem Begleiter und achte darauf, ob es mir heute wieder so geht, und tatsächlich: In die eine Richtung kann ich mit dem Weg nicht viel anfangen. Der Hintereingang ist so ein stiller Ausläufer des Parks, verlässt man den Park dort, ist es ein bisschen, als würde man sang- und klanglos aus ihm verschwinden. Am Haupteingang gibt es ein Café, eine ehemalige Lokomitivhalle, den Wasserturm und den Weg mit den Graffiti.

Ist es das Wissen darüber, was am Ende liegt, das den Weg in eine Richtung viel wärmer wirken lässt als in die andere? Vielleicht hat es aber auch mit Erinnerungen zu tun, Bildern im Kopf, die sich nur mit dem Anblick des Weges in die eine Richtung verbinden. Vielleicht liegt es am Lichteinfall.
So richtig erkären kann ich es nicht, warum dieser Weg in eine Richtung so völlig anders auf mich wirkt, als in die andere.

Kennt Ihr auch so einen Weg?

#15 Klein

Die Stadtkönigin läuft in klein durch eine bizarre Welt, die eigentlich die Welt ist, die wir kennen.

Mein Lieblingsort verwandelt sich immer weiter. Das ehemalige Bahngelände wird zunehmend zu einer skurrilen Landschaft aus riesigen Sandbergen und Trümmerhaufen aus alten Kabeln, ehemaligen Schienenschwellen und Betonwegen. Wo vor Monaten Überreste von Schienen zwischen hohen Gräsern versteckt waren, gibt es jetzt eine Art breiten, sandigen Canyon, drumherum noch immer eine Vielzahl wilder Pflanzen.

Wenn ich da lang laufe, kommt mir der Gedanke, wie es wäre, wenn ich sehr klein wäre, so groß wie eine Maus vielleicht. Es wäre eine schier endlose Landschaft. Der Canyon, vielleicht ca. 50-60 Zentimeter tief, wäre riesig und wäre ich unten, wäre es sehr schwer, wieder raus zu kommen.

Die Grashalme oben wären Riesenpflanzen. Ich hätte generell nur einen geringen Überblick, aber viel mehr Raum. Ich könnte viel weiter gehen, ohne an Grenzen zu stoßen.

Was wäre, wenn alle Menschen so klein wären? Würden wir alle in ein Land passen? Hätten wir uns dann überhaupt auf die Weise ausbreiten können, übers Meer segeln, kolonialisieren, globalisieren? Könnten wir dann dem Klima auf der Erde ernsthaft schaden?

Würde ich dann je aus dem Canyon rauskommen oder beim Versuch dauernd abrutschen? Wären Sandkörner im Verhältnis immer noch Sandkörner oder fies piksender Kies?

Wären wir in der Größe mit unseren körperlichen Gegebenheiten überlebensfähig?

Was meint Ihr? Können Mäuse deswegen so gut rennen und klettern?

#12 Weite

Die Stadtkönigin ist dunkel gegen das Licht des weiten Himmels zu sehen.

Ich laufe relativ legal auf meinem geliebten Bahngelände herum. Die untergehende Sonne scheint auf eine riesige Baustelle, Berge von Sand, dazwischen wilde, knorrige Pflanzenranken. Im Hintergrund, hinter Bäumen und einem verrosteten Zaun, sind Fabrikgebäude, Bürogebäude, Industrieruinen und das Jobcenter. Darüber der weite Himmel. Eine Weite, die mir ein ganz anderes Gefühl einflößt: Es gibt so viel auf dieser Welt. So vieles, das einfach da ist und, obwohl es uns nicht gehört und der Gedanke, etwas dafür zu bezahlen, absurd ist. Diese Welt selber und alle Naturerscheinungen stehen im Zusammenhang damit, dass die Erde ein kleiner Planet im Universum ist. Wetter, Wolken, der Anblick des Himmels, die Luft zum Atmen, all das gibt es auf diesem Planeten und im weiten Umfeld auf keinem anderen. Das, was da am Himmel ist, ist also ein Stück Weltraum, den wir sehen. In dieser Weite kann ich mich verlieren und Ruhe finden.

Wie fühlt ihr euch, wenn ihr in die Ferne blickt?

#07 Verlust (2)

Die Stadtkönigin wortwörtlich auf der Spur eines riesigen Baggers.

Es werden Wohnhäuser auf dem alten Bahngelände gebaut. Ich weiß, dass es sein muss, denn in Berlin ist Wohnraum knapp. Auf einer Seite bin ich auch gespannt darauf, wie mein Lieblingsort aussehen wird. Ich versuche den Verlust auch positiv zu sehen. Er ist ein Neuanfang, der Ort wird neues Leben beherbergen, statt Erinnerungen. Er wird sozusagen neu definiert. Es wird das erste Mal sein, dass ich so etwas miterlebe und gleichzeitig so lebhaft weiß, was vorher da war.

Bisher konnte ich das nicht so nachempfinden, wenn mir andere erzählten, was für ein Ort an dieser oder jener Stelle früher gewesen war. Ich konnte es mir nie so richtig vorstellen, selbst dann nicht mehr, wenn ich den Ort früher auch gekannt hatte. Vielleicht hatte es mich nicht so interessiert und ich hatte es vergessen, weil ich keine spezielle Bindung zu jenen Orten hatte. Dieses Bahngelände aber berührt und interessiert mich besonders. Es wird mir immer lebhaft im Gedächtnis bleiben, auch wenn es neu bebaut ist, denke ich. Zumindest habe ich eine Menge Fotos.

Wie geht es Euch an Orten, die Ihr von früher kennt und die sich verändert haben?

#06 Verlust (1)

Die Stadtkönigin steht auf einer riesigen Baustelle

Berlin erneuert sich ständig und für die Vergangenheit ist kein Platz. Zumindest nicht in dieser wilden und vergessenen Form wie an meinem Lieblingsort auf dem alten Bahngelände. Ich hoffte immer, diesen Ort würde man in Ruhe lassen, auch als ich die Bauzäune schon sehen konnte. Ich wollte noch so oft hier auf Entdeckungsreise gehen, zeichnen, zwischen den verrotteten Schienen entlangstromern; in Ruhe gelassen, denn dort kamen höchstens ein paar Passanten mit ihren Hunden lang.

Nun ist mein Lieblingsort sehr schnell zu einer riesigen Baustelle geworden. Natürlich gehe ich trotzdem hin, und wenn ich da bin, erkenne ich ihn kaum wieder. Es entstehen interessante neue Formen, eine Mischung aus dem, was da war, und riesigen Kratern, Zäunen und Sandhaufen, die auf Schildern als „Haufwerk“ bezeichnet und nummeriert werden. Doch ich fühle, dass ich nicht hier sein soll. Selbst wenn gerade keiner auf der Baustelle arbeitet, könnte da so ein Securitas-Mann auftauchen und mich vertreiben. Es hätte keinen Sinn ihnen zu erklären, warum ich da hingehe („Ich bin die Stadtkönigin.“ – „Ach …?“).
Bald wird es ihn nicht mehr geben, meinen Lieblingsort, an dem ich mich so wohl fühlte, und ich frage mich, ob das nicht auch gut und wichtig ist. Denn wenn alles so bliebe, wie es war, als wir uns wohlfühlten, würden wir es dann noch schätzen? Und würden wir dann losziehen, um weitere, neue Lieblingsorte zu finden?

Habt Ihr auch einen kleinen Lieblingsort verloren?

#05 Lieblingsort

Die Stadtkönigin bei Sonnenuntergang auf einem alten Bahngelände.

Mein Lieblingsort ist ein Bahngelände, das sich über drei S-Bahnhöfe erstreckt. Schon als Kind habe ich es aus der S-Bahn heraus gesehen und mir vorgenommen, es zu erkunden. Es sah verwildert aus. Alte, längst nicht mehr bediente Bahnstrecken verliefen durch hohes Gras. Stromkästen und andere Kästen, aus denen abgerissene Kabel herausschauten und an denen Knöpfe zu sehen waren, rosteten vor sich hin. Ruinen von kleinen Hütten und Bahngebäuden ragten aus der Graslandschaft empor. Dazwischen ein Rundlokschuppen, umringt von anderen spannend aussehenden Gebäuden.

Irgendwann fand ich den Weg dorthin. Ich lief auf zerbrochenen Gehwegplatten, zwischen verwilderten Pflanzen und alten Schienen entlang, die vor langer Zeit irgendwohin geführt hatten. Ein verrosteter Drahtgitterzaun, der teilweise umgefallen oder umgeworfen worden war. Alte Straßenlaternen, durch die längst kein Strom mehr floss. Stattdessen rankten die Pflanzen an ihnen hoch. Weite. Die Vorstellung vergangener Geschichten. Ich fühlte mich sogar ein wenig wie zu Hause, was mich wundert, aber so war es.

So war es … Fortsetzung folgt.

Keine Angst! Zeigt mir Euren Lieblingsort!

#03 Ruinen

Die Stadtkönigin schleicht durch Ruinen

Des Öfteren sehe ich Häuserruinen und fühle mich von ihnen angezogen. Manchmal gehe ich dorthin, wo man eigentlich nicht hingehen soll, (wenn es nicht vollkommen verboten ist) um näher an die Ruinen heranzukommen.

Diese Orte der Vergangenheit ziehen mich an. Die Stille des abwesenden Lebens und die Vorstellung, dass es hier einmal sehr belebt war, faszinieren mich. Wie hat man hier gelebt? Allein die Vorstellung erzählt 1000 Geschichten, die wahrscheinlich nie passiert sind. Wie roch es hier? Welche Farben hatten die Wände, die Möbel? Was wurde hier gegessen? Wie sah der Alltag aus? Welche Kleidung trugen die Menschen?

Die Natur holt sich das Gebäude zurück und verschmilzt mit ihm. Das Gebäude verliert den menschlichen Einfluss und seine Vergangenheit mit Menschen wird immer unvorstellbarer. Beides zusammen gibt nach und nach ein völlig neues Gebilde ab.

Seid Ihr auch fasziniert von Ruinen, diesen Orten der Vergangenheit?

Go Top