#0206 Marzahn Teil 2

Marzahn, die Plattenwucherung am Rande Berlins?

Im nördlichen Osten Berlins sammeln sich die Plattenbauten an. Was in Marzahn anfängt, setzt sich in Anrainerbezirken vielerorts fort. Heute schauen wir zum zweiten Mal auf die größte Plattenbausiedlung der DDR. Und ein zweiter Blick lohnt sich immer. Vor allem dann, wenn mal wieder jemand von trostlosen Betonwüsten spricht. – Lass es uns besser wissen!

Zeichnung der Stadtkönigin, die von den Ahrensfelder Bergen aus über die Dächer von Marzahn blickt.

Eine Hauptschlagader Marzahns

Los gehts an der Marzahner Promenade, die du kennen solltest. (Wirklich! Das wird am Ende der Serie abgefragt.) Schon von Weitem sind zwei markante Wohntürme zu sehen, die hoch in den Himmel ragen. Riesig! Hier ist eine Doku vom ZDF, die den Alltag des Hausmeisters in einem der Punkthochhäuser zeigt, und somit auch ein Stück weit den Alltag in Marzahn.

Kommst du von der Landsberger Allee und gehst zwischen den beiden Hochhäusern hindurch, eröffnet sich eine völlig andere Welt. Das große Shopping-Center „Eastgate“ ist ein moderner Bau mit Hinguckfaktor. Da hat jemand ein Ufo in Marzahn abgestellt! Rund um das Center sind die Gehsteige geformt, rund, mit Rampen für den barrierefreien Zugang und Baumscheiben ausgestattet. Hier ist der Anfang der Marzahner Promenade, die sich parallel zur Landsberger Allee zwischen Wohnhäusern, Grünflächen und Geschäften, Cafés und Restaurants lang zieht.

Ein wunderschönes Zentrum erblüht vom Neuen

Als ein belebtes Zentrum, wo alle zusammenkommen, war die Marzahner Promenade in der DDR geplant und angelegt worden. Nach der Wende war hier weniger los, Marzahn litt unter der Abwicklung vieler ortsnaher Betriebe und darauffolgendem Leerstand vieler Wohnungen. Wer noch hier wohnte, gehörte zumeist einkommensschwächeren Verhältnissen an. Diese Entwicklung gab es in den meisten Plattenbausiedlungen der DDR nach der Wende. Infolgedessen wurden Wohnungen zurückgebaut.

Die Marzahner Promenade wurde neu gestaltet und die Gebäude drumherum saniert. Sie erblüht wieder als ein belebtes Zentrum mit vielen Kultur- und Freizeitangeboten. Doch nicht nur sie, ganz Marzahn profitiert davon, dass die Stadt Berlin boomt. Der ganze Stadtteil wurde aufgewertet, die Grünanlagen sind riesengroß, gepflegt und bestückt mit Skulpturen, Brunnen und Spielplätzen.

Die Plattenbauten, ja, die sind immer noch Plattenbauten. (Zum Glück, denn ich mag sie ja.) Auch sie sind inzwischen zum größten Teil saniert und auch vielfältig gestaltet worden. Doch warum heißen sie überhaupt Plattenbauten? Was ist das Besondere an dieser Bauweise?

Foto eines blau-weißen Gebäuderiegels, davor ein Platz mit Steintreppen und kahlen Bäumen (is halt Winter, ne), Marzahner Promenade
Entlang der Marzahner Promenade: Ein Bild für Strukturverliebte

Und die Häuser bestehen wirklich aus … Platten?

Dazu ein Blick in die Geschichte des Plattenbaus. Berlin bestand nach dem Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen aus Trümmerwüsten. Was noch da war, bot nicht viel Komfort, Licht und war außerdem in der Regel kohlebeheizt. Man stand vor der Herausforderung, die vielen Bewohner der Großstadt auf kostengünstige Weise unterzubringen. Nachdem Berlin in Ost und West geteilt worden war, hieß die Lösung auf beiden Seiten Plattenbau.

Die Blüten, die das Bauen in Plattenbauweise teilweise trieb, besonders im westlichen Teil der Stadt, kannst du dir in anderen Artikeln auf diesem Blog ansehen. Und so geht die Plattenbauweise: Die Häuser und Wohnungen wurden aus Bauelementen zusammengesetzt, die vorher in Fabriken gegossen worden waren. Eigentlich heißen die Platten Großtafeln und der offizielle Begriff für die Plattenbauweise ist „Großtafelbauweise“. Sagt aber kaum einer so.

Die vorgefertigten Platten brachte man dann dorthin, wo das Haus entstehen sollte. Vor Ort brauchte sie einfach nur zusammenzusetzen. Es ging viel schneller als die herkömmliche Bauweise, bei der man Stein auf Stein mauerte. Weil man viel weniger Zeit mit dem Hausbau im Freien verbrachte, war das ganze Projekt auch weniger vom Wetter abhängig. Wie das genau in Marzahn ausgesehen hat, wird in dieser Footprints-Doku vom Nachrichtensender Welt gezeigt.

Wohnungen auf Zuteilung in der DDR

Die Plattenbauten in der DDR hatten zwar ein paar verschiedene Typen, waren aber sehr gleichförmig. Das entsprach dem sozialistischen Bild, dass man an der Wohnung den sozialen Status nicht ablesen können sollte. Auch Staatsbeamte bekamen die gleichen Wohnungen wie Arbeiter – höchstens mit dem Unterschied, dass sie bei der Zuteilung schneller zum Zuge kamen. Zuteilung? Ja, denn nach Antragstellung bekam man irgendwann eine Wohnung zugeteilt in der DDR.

Foto: Spielplatz auf einer erhöhten Grünfläche in Marzahn, dahinter Plattenbauten
Zwischen den Gebäuden in Marzahn befinden sich große Grünflächen: Diese hier hat nicht mal ansatzweise aufs Bild gepasst.

Die Anwärter*innen wurden am Bau beteiligt, sie arbeiteten an freien Tagen fleißig dabei mit, dieses ehrgeizige Projekt in Marzahn hochzuziehen. Dafür bekamen sie ihre Wohnung zu einem niedrigen Mietpreis, den sich jede*r leisten konnte. Viele Bewohner*innen aus der Zeit wohnen dort noch heute. Und viele Marzahner lieben ihre Plattenbauwohnung nach wie vor. Kannst du dir das vorstellen?

Sonderfall Berlin – Marzahn in der Verstetigung

Viele Plattenbausiedlungen der DDR hatten nach der Wende Probleme und entwickelten sich zu Brennpunkten. So auch Marzahn. Ich gebe zu, dass ich selbst in den 2000er-Jahren einen Termin in Marzahn hatte und gefühlt stundenlang mit der Straßenbahn durch die ewige Plattenbausiedlung gefahren bin. Schier unendlich, und es war ein sehr grauer Tag. Kein guter erster Eindruck.

Zum Glück sollte es nicht so düster bleiben. Berlin befindet sich wieder in der Phase der Wohnungsnot, das wirkt sich auf alle Berliner Bezirke aus, so auch auf Marzahn. Wegen des massiven Zuzugs nach Berlin werden auch seine Plattenbauviertel erhalten und saniert, während das an anderen Orten teilweise recht anders verläuft. Dazu aber ein anderes Mal.

Foto von Neubauten in Marzahn
Rückbau war früher mal: Neubauten in Marzahn

Gehe ich durch Marzahn, bekomme ich den Eindruck, dass es sich hier mittlerweile sehr gut leben lässt und viele (nicht alle!) Probleme aufgefangen worden sind. Marzahn bekam teilweise besondere Unterstützung durch das Berliner Quartiersmanagement, dem wir schon in der High-Deck-Siedlung begegnet sind.

Mittlerweile sind die Quartiere in Marzahn, die diese Unterstützung bekommen haben, in der Verstetigung. Der Prozess wird eingeleitet, wenn erhebliche Erfolge erzielt werden konnten und abzusehen ist, dass das Quartier ohne diese Unterstützung stabil bleiben wird. Hier kannst du mehr dazu erfahren. Marzahn hat zwei Quartiere, die verstetigt und aus dem Quartiersmanagement entlassen worden sind: Mehrower Allee und Marzahn-NordWest.

Die Ahrensfelder Berge – Aussicht auf ein Plattenmeer

Habe ich schon mal erwähnt, dass diese Plattenbausiedlung groß ist? Es gibt dort sogar Berge. Der Kienberg, der da liegt, wo die Gärten der Welt sind, und die Ahrensfelder Berge. Um Letztere geht es jetzt, wir sind mittlerweile im Norden Marzahns angekommen. Falls dir schon die Füße qualmen, da musst du jetzt durch! Es lohnt sich!

Die Ahrensfelder Berge haben etwas von dem struppigen Charme, den ich an Berlin so liebe. Damit meine ich die Grünflächen, die man nicht zurechtstutzt und die vom Bewuchs her eher nach Zufall und ein bisschen wild aussehen. Zumindest die „Rückseite“ der Ahrensfelder Berge, die man von der Mehrower Allee/Blumberger Damm erreicht, ist so. Der Weg von dort nach oben zur Aussichtsplattform führt über einen schmalen Trampelpfad. Er ist nicht ganz ungefährlich.

Auf der „Vorderseite“, von der Landsberger Allee aus, gibt es aber einen zivilisierteren Zugang und einen doch recht hübsch angelegten Park mit Teich. Ach ja, wir sind hier, wenn auch noch ganz knapp, in Berlin: Natürlich steht da ein Einkaufswagen herum, und natürlich mitten im Teich. Fast schon ein Kunstwerk.

Wir gehen auf den höheren der beiden Berge, der eine Aussichtsplattform hat. Oben angekommen, sehen wir zuerst das Brandenburger Umland im Rücken; Felder, Häuser, Windräder. Ganz schön, aber wenn wir uns auf die andere Seite der Plattform zubewegen, zeigt sich eine atemberaubende Schönheit. Die riesige Plattenbausiedlung, in der Entfernung wie lauter Spielzeughäuser, breitet sich vor uns aus. Ein Meer aus Rhythmen und Mustern, deren Dächer in der untergehenden Sonne glitzern.

Foto: Ausblick über Marzahn-Hellersdorf von den Ahrensfelder Bergen
Das Plattenmeer von Marzahn-Hellersdorf, unter meinen Füßen der größere der beiden Ahrensfelder Berge

Ich wette, selbst den härtesten Plattenbau-Verschmähenden würde hier oben das Herz ein bisschen warm werden.

Und wo wir schon mal über die Anfänge des Plattenbaus Ost gesprochen haben, können wir auch gleich über Le Corbusier und seine Vorstellung der Wohneinheit reden, die er auch zum Teil in Berlin zur Realität gemacht hat. Eine Art Vorläufer für den Plattenbau in Westberlin. Das Corbusierhaus gehört thematisch zum Hansaviertel, und beides sehen wir uns im nächsten Beitrag an! Ich hoffe, du hast bis dahin aus Marzahn wieder rausgefunden!
Wenn du dir noch mehr Marzahn ansehen willst, hier geht es zum ersten Marzahn-Artikel.


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