#0203 High-Deck-Siedlung

Utopie einer Großwohnsiedlung

Nach außen ist sie kaum bekannt und dennoch ist die High-Deck-Siedlung in Neukölln architektonisch hochinteressant. Man hat versucht, den Straßenverkehr von den Fußgängern zu trennen und ihnen eine eigene Ebene zu geben. Hochgestellte Fußgänger-Alleen. Orte der Begegnung, umspielt von Begrünung und üppigen Baumkronen. So war es geplant. Ob das Konzept aufgegangen ist, sehen wir uns jetzt an.

Zeichnung der Stadtkönigin in der High-Deck-Siedlung in Berlin-Neukölln

Schon wieder Neukölln?

Ja. Und ich bin auch nach dieser Großwohnsiedlung noch nicht fertig mit Neukölln. Der Bezirk im Süden Berlins hat einiges an architektonischen Kleinoden zu bieten. Wieder einmal hat man am Stadtrand gebaut. Zumindest war da mal einer, nämlich der von Westberlin. Heute ist da, wo die Mauer stand, ein Grünzug mit Bächlein und kleine Brücken, über die man direkt ins benachbarte Treptow-Köpenick rüberwandern kann. Dieser Grünzug ist sehr nah an der High-Deck-Siedlung und damit war die Mauer genauso nah.

Ich kannte die High-Deck-Siedlung durch Spaziergänge bereits. Von der Sonnenallee aus ist sie gut zu sehen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Damals fand ich sie einfach nur abgespaced. Ich fühlte mich wirklich wie in einer anderen Welt, als ich durch die Siedlung lief. Dass diese spannende Welt architektonisch einmalig ist und unter Denkmalschutz steht, wusste ich damals noch nicht.

High-Decks gegen die bauliche Dichte

Jetzt bin ich wieder in der High-Deck-Siedlung. Und du bist virtuell mit dabei. Da du schon mal hier bist, ich habe mich ein bisschen schlau gemacht. Die High-Deck-Siedlung entstand am Rande Westberlins der 70er-Jahre. Seit Jahren war man dabei, Wohnraum zu schaffen. Zugleich stand Westberlin vor der Herausforderung des beengten Raumes. In meinem Artikel über die Gropiusstadt hatte ich schon erwähnt, dass durch die Mauer um Westberlin in die Höhe gebaut werden musste, um die Menschen unterbringen zu können.

Die Architekten Rainer Oefelein und Bernhardt Freund stellten 1970 ein ungewöhnliches Konzept bei der Ausschreibung des Berliner Senats für das Areal vor. Sie wollten diese Verdichtung á Märkisches Viertel und Gropiusstadt nicht. Ihr Plan war, Autos und Fußgänger zu trennen und eine erhöhte Fußgängerebene zu schaffen. Das Konzept der beiden Architekten gewann die Ausschreibung und wurde weitgehend umgesetzt.

Foto der High-Deck-Siedlung in Neukölln. Die höher gelegte Fußgängerebene und die Straße darunter sind hier gut zu sehen.
Alle Ebenen auf einen Blick

Auf Brücken wurden Wege geschaffen, Straßen für Fußgänger, die High-Decks. Schmalere Abzweigungen führen von der erhöhten Straße zu den Hauseingängen. Unter den High-Decks befinden sich Garagen und Parkplätze.

An den Innenseiten zweier Häuserzeilen sind die High-Decks, an den Außenseiten führen Treppen hinab in begrünte Bereiche, in denen sich Spielplatze oder Bolzplätze befinden. Weitere Brücken, die an die High-Decks angeschlossen sind, führen zu Häuserzeilen, die auf höherer Ebene eine Art langgezogenen begehbaren Balkon haben. Er ist bis zum Ende der Häuserzeile durchgängig, wie eine kleine Straße mit Erkern zur Begrünung. Zwischendurch befinden sich spiralformige Aufgänge, durch die man die hohe Ebene wieder verlassen kann. Ein Weg in die “normale Welt”, so kommt es mir fast vor.

Über die Sonnenallee führt ein riesiges Gebäude, das auch bewohnt ist. Man kann die Sonnenallee auf einem Gang durch das Gebäude überqueren. Auf einer Seite kommt man direkt in das Sonnen-Center. Dort gibt es einige Läden, Friseure und Restaurants. Mein Eindruck ist allerdings, dass es sehr klein ist und kaum als attraktiver Treffpunkt für die Menschen in der Siedlung gesehen werden kann.

Foto eines durchgehenden "Balkons", von dem die oberen Wohnungen wie von einer Starße aus betreten werden können. Im begrünten Erker ist ein Fahrrad angeschlossen. So vorgefunden in der High-Deck-Siedlung in Berlin-Neukölln
Stillleben einer (nicht ganz so) normalen Plattenbausiedlung mit Fahrrad

Ein ambitioniertes Projekt ─ gescheitert?

Das Konzept von Oefelein und Freund wurde, zumindest was die High-Decks betraf, konsequent umgesetzt. Zwar waren die beiden Architekten nicht die Ersten mit der Idee, eine getrennte Fußgängerebene zu erbauen, doch die Umsetzung in der High-Deck-Siedlung ist einzigartig. Deswegen steht die Siedlung seit 2020 unter Denkmalschutz. Dennoch kann man nicht komplett von einem Erfolgsprojekt sprechen. Ist das städtebauliche Konzept letztendlich gescheitert?

Das Konzept von Oefelin und Freund sah ursprünglich mehr Elemente zur Begrünung und Spielplatzelemente auf den High-Decks sowie individuellere Bauten vor. Vieles fiel aus Kostengründen dem Rotstift der Senatsverwaltung zum Opfer und musste an die Plattenbauweise angepasst werden. So sind die High-Decks nicht so grün, wie es eigentlich sein sollte. Die Siedlung wirkt zu großen Teilen wie eine, zwar sehr interessante, aber dennoch Betonwüste.

So wenig ich mir ein Leben so nah an der Mauer als gemütlich vorstellen kann, die Menschen vermissten nach der Wende die Ruhe am Stadtrand. Auch sorgte eine zusätzliche Abgabe für Mieter ohne Wohnberechtigungsschein in den 80er-Jahren dafür, dass viele Mieter, die zahlungskräftig waren, weg zogen. Nach und nach kam es zu einem Wandel in der Sozialstruktur, immer mehr einkommensschwache Mieter zogen ein. Menschen verschiedenster Kulturen leben in der High-Deck-Siedlung, das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen und Lebensarten auf kleinem Raum sorgt öfter für Konflikte.

Und mein Eindruck, wenn ich durch die High-Deck-Siedlung gehe? Die High-Decks sind tatsächlich ein Ort der Begegnung. Die steinernen Alleen sind voll spielender Kinder, die oft lieber dort oben zu spielen scheinen als erst auf die Spielplätze unten zu gehen. In einer Ecke haben es sich Frauen mit Klappstühlen gemütlich gemacht.

Foto eines High-Decks in der High-Deck-Siedlung Berlin-Neukölln
Da habe ich doch mal ein menschenleeres High-Deck vor die Linse bekommen.

Das Berliner Quartiersmanagement in der High-Deck-Siedlung

1999 wurde das Berliner Quartiersmanagement in Leben gerufen, das sich um die Quartiere in Berlin kümmert, die benachteiligt sind und denen droht, sich in einer Abwärtsspirale zu entwickeln. Geförderte Projekte mit Bürgerbeteiligung sollen den Problemen entgegenwirken und für eine Stabilisierung des Quartiers sorgen. Die Stadt begann, sich um Viertel zu kümmern, die sehr lang vernachlässigt wurden. Die Quartiere wurden und werden durch diese Hilfe, hinter der finanzielle Unterstützung steckt, aufgewertet.

Von Beginn an wird auch die High-Deck-Siedlung vom Quartiersmanagement unterstützt. Die Projekte zielen hauptsächlich auf Bildung, Arbeitsbeschaffung und nachbarschaftliches Miteinander ab. Noch immer hat die High-Deck-Siedlung Probleme, aber durch das Quartiersmanagement konnte die Siedlung aufgewertet werden. Am besten zeigt es sich bei dem Ausbildungs- und Kunstprojekt Voliére. In dessen Rahmen wurde die Fassade eines Wohnblocks künstlerisch bemalt und verziert. Arbeitslose Jugendliche erhielten Ausbildungsplätze und die betreffenden Gebäude sind noch immer hübsch anzusehen.

Eine Zukunft für die High-Deck-Siedlung

Seit 2020 steht die High-Deck-Siedlung also unter Denkmalschutz. Das Landesdenkmalamt hat zu diesem Anlass einen Dokumentarfilm über die Siedlung gedreht, den ich dir sehr empfehlen kann. Hier kannst du ihn dir ansehen. Er ist sehr ausführlich, mit tollen Aufnahmen der Siedlung. Was aber nicht heißt, dass er einen Besuch ersetzen kann.

Es gibt also die Aufmerksamkeit durch den Denkmalschutz und das Quartiersmanagement, die der Siedlung helfen, doch es passiert noch mehr. Achtung, die folgenden Informationen habe ich aus dem Dokumentarfilm. Sie sind aber so toll, ich muss sie dir noch mal erzählen: Eine Sanierung der Gebäude steht an, weil sie nun über 40 Jahre alt sind.

Dazu arbeitet man eng mit Felix Oefelein, dem Sohn von Rainer Oefelein zusammen. Er ist ebenfalls Architekt und fühlt sich mit der Siedlung verbunden. Im Film erklärt er, dass die Siedlung auch für ihn wie ein Kind ist und dass es ihn mitnimmt, wenn das Kind Probleme hat. Darum möchte der Architekt der Siedlung seines Vaters nun unter die Arme greifen. Und wer weiß, vielleicht werden einige Ideen von Oefelein Sr. und Freund, die man damals weggekürzt hatte, wieder eingebracht.

Berlin hat eben Herz, findest du nicht?

Beim nächsten Mal schauen wir uns das große, weite Marzahn an.

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