Posts Tagged “Baustelle”

#15 Klein

Die Stadtkönigin läuft in klein durch eine bizarre Welt, die eigentlich die Welt ist, die wir kennen.

Mein Lieblingsort verwandelt sich immer weiter. Das ehemalige Bahngelände wird zunehmend zu einer skurrilen Landschaft aus riesigen Sandbergen und Trümmerhaufen aus alten Kabeln, ehemaligen Schienenschwellen und Betonwegen. Wo vor Monaten Überreste von Schienen zwischen hohen Gräsern versteckt waren, gibt es jetzt eine Art breiten, sandigen Canyon, drumherum noch immer eine Vielzahl wilder Pflanzen.

Wenn ich da lang laufe, kommt mir der Gedanke, wie es wäre, wenn ich sehr klein wäre, so groß wie eine Maus vielleicht. Es wäre eine schier endlose Landschaft. Der Canyon, vielleicht ca. 50-60 Zentimeter tief, wäre riesig und wäre ich unten, wäre es sehr schwer, wieder raus zu kommen.

Die Grashalme oben wären Riesenpflanzen. Ich hätte generell nur einen geringen Überblick, aber viel mehr Raum. Ich könnte viel weiter gehen, ohne an Grenzen zu stoßen.

Was wäre, wenn alle Menschen so klein wären? Würden wir alle in ein Land passen? Hätten wir uns dann überhaupt auf die Weise ausbreiten können, übers Meer segeln, kolonialisieren, globalisieren? Könnten wir dann dem Klima auf der Erde ernsthaft schaden?

Würde ich dann je aus dem Canyon rauskommen oder beim Versuch dauernd abrutschen? Wären Sandkörner im Verhältnis immer noch Sandkörner oder fies piksender Kies?

Wären wir in der Größe mit unseren körperlichen Gegebenheiten überlebensfähig?

Was meint Ihr? Können Mäuse deswegen so gut rennen und klettern?

#07 Verlust (2)

Die Stadtkönigin wortwörtlich auf der Spur eines riesigen Baggers.

Es werden Wohnhäuser auf dem alten Bahngelände gebaut. Ich weiß, dass es sein muss, denn in Berlin ist Wohnraum knapp. Auf einer Seite bin ich auch gespannt darauf, wie mein Lieblingsort aussehen wird. Ich versuche den Verlust auch positiv zu sehen. Er ist ein Neuanfang, der Ort wird neues Leben beherbergen, statt Erinnerungen. Er wird sozusagen neu definiert. Es wird das erste Mal sein, dass ich so etwas miterlebe und gleichzeitig so lebhaft weiß, was vorher da war.

Bisher konnte ich das nicht so nachempfinden, wenn mir andere erzählten, was für ein Ort an dieser oder jener Stelle früher gewesen war. Ich konnte es mir nie so richtig vorstellen, selbst dann nicht mehr, wenn ich den Ort früher auch gekannt hatte. Vielleicht hatte es mich nicht so interessiert und ich hatte es vergessen, weil ich keine spezielle Bindung zu jenen Orten hatte. Dieses Bahngelände aber berührt und interessiert mich besonders. Es wird mir immer lebhaft im Gedächtnis bleiben, auch wenn es neu bebaut ist, denke ich. Zumindest habe ich eine Menge Fotos.

Wie geht es Euch an Orten, die Ihr von früher kennt und die sich verändert haben?

#06 Verlust (1)

Die Stadtkönigin steht auf einer riesigen Baustelle

Berlin erneuert sich ständig und für die Vergangenheit ist kein Platz. Zumindest nicht in dieser wilden und vergessenen Form wie an meinem Lieblingsort auf dem alten Bahngelände. Ich hoffte immer, diesen Ort würde man in Ruhe lassen, auch als ich die Bauzäune schon sehen konnte. Ich wollte noch so oft hier auf Entdeckungsreise gehen, zeichnen, zwischen den verrotteten Schienen entlangstromern; in Ruhe gelassen, denn dort kamen höchstens ein paar Passanten mit ihren Hunden lang.

Nun ist mein Lieblingsort sehr schnell zu einer riesigen Baustelle geworden. Natürlich gehe ich trotzdem hin, und wenn ich da bin, erkenne ich ihn kaum wieder. Es entstehen interessante neue Formen, eine Mischung aus dem, was da war, und riesigen Kratern, Zäunen und Sandhaufen, die auf Schildern als „Haufwerk“ bezeichnet und nummeriert werden. Doch ich fühle, dass ich nicht hier sein soll. Selbst wenn gerade keiner auf der Baustelle arbeitet, könnte da so ein Securitas-Mann auftauchen und mich vertreiben. Es hätte keinen Sinn ihnen zu erklären, warum ich da hingehe („Ich bin die Stadtkönigin.“ – „Ach …?“).
Bald wird es ihn nicht mehr geben, meinen Lieblingsort, an dem ich mich so wohl fühlte, und ich frage mich, ob das nicht auch gut und wichtig ist. Denn wenn alles so bliebe, wie es war, als wir uns wohlfühlten, würden wir es dann noch schätzen? Und würden wir dann losziehen, um weitere, neue Lieblingsorte zu finden?

Habt Ihr auch einen kleinen Lieblingsort verloren?

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